162 Gedanken, in der Reihenfolge des Buches
- Nummer 1:
Nicht mehr so“ ist wertvolle Klarheit, aber noch nicht immer die eindeutige Antwort auf „Wie stattdessen?
- Nummer 2:
Was stört mich?“ erkennt Unstimmigkeit, Grenze und verletzten Wert, es ist Kontrastwissen
- Nummer 3:
Was will ich?“ sucht die bejahte Qualität, Richtung und konkrete Lebensform, es wird zu Richtungs- und Gestaltungswissen
- Nummer 4:
Aus einem Nein folgt noch nicht eindeutig das richtige Ja
- Nummer 5:
Die Beendigung eines Konflikts noch keine Eintracht
- Nummer 6:
Manche Wünsche oder Ziele treten zuerst als Grenze ins Bewusstsein und sagen: „So nicht mehr
- Nummer 7:
Ein Nein zeichnet die Kontur des Fehlenden oder des Konfliktes
- Nummer 8:
Eine erkannte Grenze ist noch kein Ziel, aber oft eine Orientierung, wo es nicht (mehr) hingeht
- Nummer 9:
Wer nur weiß, wovon er fortwill, der bleibt noch vom Alten geführt, wer erkennt, wofür er geht, der beginnt seinen eigenen Weg
- Nummer 10:
Der Engpass des herrschaftlich systemischen Wissens hat sich verlagert: vom Zugang über die zugelassenen Kanäle hin zur Sichtbarkeit, Aufmerksamkeit und Vertrauensfähigkeit
- Nummer 11:
Früher konnte Macht bestimmen, wer lesen, lernen, lehren oder Schriften auslegen durfte, heute darf nahezu jeder veröffentlichen, wobei die Suchsysteme, Plattformen, Institutionen, Netzwerke und Aufmerksamkeitsmechanismen beeinflussen, was auffindbar, beachtet und schließlich wirksam wird davon
- Nummer 12:
Sogar die UNESCO und EU behandeln Plattformkuratierung, Transparenz, Empfehlungssysteme und unabhängige Prüfbarkeit inzwischen ausdrücklich als gesellschaftliche Wissensfragen
- Nummer 13:
Was wir „Wissensflut“ nennen, ist eher eine Informations- und Behauptungsflut, die neue Armut ist nicht Zurückbehaltung, Informationsmangel, sondern Orientierungsarmut im Überfluss
- Nummer 14:
Eine Aussage muss heute mindestens acht Schwellen durchlaufen: Äußerbarkeit, Publizierbarkeit, Auffindbarkeit, Beachtung, Prüfbarkeit, Vertrauensfähigkeit, Anerkennung, Wirksamkeit
- Nummer 15:
Das Internet erleichtert Äußerbarkeit und Publizierbarkeit, Wahrheit besitzt jedoch keinen automatischen oder systematischen Verbreitungsvorrang
- Nummer 16:
Die Amorologie schafft den Begriff des FAR‑Erkenntnis‑Klärraums, dessen Dreiklang lautet: 1. statusfreie Anhörung: Kein Gedanke wird allein wegen fehlender Titel oder Außenseiterstatus ausgeschlossen
- Nummer 17:
Die Amorologie schafft den Begriff des FAR‑Erkenntnis‑Klärraums, dessen Dreiklang lautet: 2. evidenzgebundene Anerkennung: Rang, Popularität und Reichweite ersetzen keine gegenstandsangemessene Begründung
- Nummer 18:
Die Amorologie schafft den Begriff des FAR‑Erkenntnis‑Klärraums, dessen Dreiklang lautet: 3. revidierbare Geltung: Jede menschliche Anerkennung bleibt für bessere Gründe und neue Erkenntnis offen
- Nummer 19:
Offenheit ohne Prüfung wird zur Behauptungsflut, Prüfung ohne Offenheit kann zum Dogma erstarren
- Nummer 20:
Die digitale Welt hat das Veröffentlichen demokratisiert, nicht jedoch das Erkennen von Wahrheit
- Nummer 21:
Redefreiheit gibt Menschen die gleiche Würde des Sprechens, aber nicht jeder Aussage die gleiche Geltung
- Nummer 22:
Akkreditierung ist ein Vertrauenshinweis, kein Wahrheitsbeweis, Außenseitertum ist ein Perspektivhinweis, kein fehlendes Gütesiegel
- Nummer 23:
Das Gegenmittel zum Wissens‑Vorbehalt ist nicht die Behauptungsflut von heute, sondern ein offener Erkenntnisraum, in dem jeder Mensch reden und fragen darf und jede Aussage nur so weit gilt, wie ihr Weg zur Wirklichkeit verantwortbar sichtbar wird
- Nummer 24:
Halbwissen ist nicht nur wenig Wissen, sondern Wissen ohne sichtbaren Rahmen, das mit einer Gewissheit spricht, die seine Gründe nicht tragen
- Nummer 25:
Wissen wird nicht dadurch Wissenschaft, dass es als wahr gesetzt wird, sondern indem offengelegt wird, wie es gewonnen, geprüft, begrenzt und für begründete Korrektur geöffnet wurde
- Nummer 26:
Eine Definition der Wissenschaft lautet: „Wissenschaft ist eine strukturierte Methode, um verlässliches Wissen über die Welt zu gewinnen, zu prüfen und zu erweitern
- Nummer 27:
Wissenschaftliches Wissen kann unterschiedlich sicher und dennoch verlässlich sein, widersprüchlich wird es dort, wo Wissenschaft einen unbedingten Wahrheitsanspruch setzt
- Nummer 28:
Menschliches Wissen hat systemisch viele Qualitätsmerkmale, wie z.B. „klar“ = Eine Aussage ist verständlich, eindeutig und/oder nachvollziehbar formuliert, aber auch ein Irrtum kann vollkommen klar sein
- Nummer 29:
Menschliches Wissen hat systemisch viele Qualitätsmerkmale, wie z.B. „formal oder methodisch richtig“ = Die Aussage folgt bestimmten Regeln, Methoden oder Voraussetzungen, aber sind die Voraussetzungen falsch, kann das Ergebnis folgerichtig und dennoch unwahr sein
- Nummer 30:
Menschliches Wissen hat systemisch viele Qualitätsmerkmale, wie z.B. „wahr“ = Die Aussage entspricht der Wirklichkeit, aber Wahrheit ist weder durch Methode noch durch Mehrheit herstellbar
- Nummer 31:
Menschliches Wissen hat systemisch viele Qualitätsmerkmale, wie z.B. „gewiss oder sicher“ = Der Grad der Überzeugung oder Begründung, wobei auch große Gewissheit irren kann
- Nummer 32:
Menschliches Wissen hat systemisch viele Qualitätsmerkmale, wie z.B. „anerkannt oder Konsens“ = Die gegenwärtige Übereinstimmung von Kriterien einer Gemeinschaft, aber nicht den endgültigen Wahrheitsbeweis
- Nummer 33:
Menschliches Wissen hat systemisch viele Qualitätsmerkmale, wie z.B. „gesetzt“ = Eine Definition, Kategorie, Maßeinheit, Grenze, Norm oder Ausgangsannahme wurde menschlich festgelegt
- Nummer 34:
Eine Aussage kann wissenschaftlich klar, methodisch richtig, mehrheitlich anerkannt etc. und dennoch unvollständig oder sogar unwahr sein
- Nummer 35:
In der Amorologie gilt als umfassend richtig: Etwas stimmt sachlich und wahrt zugleich mindestens Ursprung, Sinn, Folgen, Wahrheit, Vernunft, Würde und polaritär liebende Kohärenz
- Nummer 36:
Die bisherige Wissenschafts-Definition vermischt vier Ebenen: 1. Wissenschaft als Ideal: wahrhaftig, systematisch, überprüfbar und ergebnisoffen zu suchen
- Nummer 37:
Die bisherige Wissenschafts-Definition vermischt vier Ebenen: 2. Wissenschaft als Methode: einen Erkenntnisweg nachvollziehbar und kritisierbar zu machen
- Nummer 38:
Die bisherige Wissenschafts-Definition vermischt vier Ebenen: 3. Wissenschaftliches Ergebnis: eine unterschiedlich gut begründete, begrenzte, konditionierte, fokussierte und grundsätzlich korrigierbare Erkenntnis
- Nummer 39:
Die bisherige Wissenschafts-Definition vermischt vier Ebenen: 4. Wissenschaft als menschliche Institution: Bildungssysteme, Ministerien, Universitäten, Fachzeitschriften, Förderer, Karrieren, Interessen, Macht und Mehrheitsverhältnisse
- Nummer 40:
Eine Methode kann selbstkorrigierend angelegt sein, während die Institution sich gegen Korrektur wehrt, Kritik an wissenschaftlichen Institutionen ist deshalb nicht unbedingt wissenschaftsfeindlich, sie kann gerade der Verteidigung des wissenschaftlichen Ethos dienen
- Nummer 41:
Einige Universitäten schreiben: Die Wissenschaftsphilosophie untersucht die Geltungsbedingungen wissenschaftlicher Aussagen, den Einfluss von Werten und das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gesellschaft
- Nummer 42:
Universitäten schreiben in ihren Manifesten u.a. auch: Fallibilismus, Intersubjektivität, empirische Prüfung und Logik gelten dabei als Ideale des Erkenntnisweges, nicht aber als Unfehlbarkeitsgarantien
- Nummer 43:
Nicht alles menschliche Wissen ist wissenschaftliches Wissen, selbst die Voraussetzung, alles menschliche Wissen müsse diese Kriterien erfüllen, ist zu eng gefasst
- Nummer 44:
Ein Mensch kann seinen Schmerz oder einen anderen Menschen aus langer Beziehung kennen oder wissen, wie eine Tätigkeit ausgeführt wird, ohne dies experimentell beweisen zu können
- Nummer 45:
Eine persönliche Erfahrung ist als Erfahrung wirklich, ihre Deutung ist aber nicht allein deshalb schon eine allgemeingültige Wahrheit
- Nummer 46:
Wissenschaften arbeiten nicht nur mit einem Prüfmaßstab, die Mathematik beweist formal, Naturwissenschaften beobachten, messen, experimentieren, Geschichtswissenschaft prüft Quellen und rekonstruiert, Geisteswissenschaften untersuchen komplexe, Systeme, Philosophie prüft Begriffe, Voraussetzungen, logische Folgerungen
- Nummer 47:
Nicht jeder Wirklichkeitsbereich erschließt sich demselben Instrument, die Methode muss dem Gegenstand entsprechen
- Nummer 48:
In der Amorologie gilt: Der Mensch schafft Formen des Wissens, dabei aber weder Die absolute Wirklichkeit noch Die absolute Wahrheit, der Unfehlbarkeitsanspruch im Wissen schaffen ist ein konfliktär basales Problem
- Nummer 49:
Die Wirklichkeit gibt etwas vor und setzt dem Irrtum Widerstand entgegen, der reflektierende Mensch wählt Fragen, Begriffe, Messinstrumente, Kategorien und Modelle, um Wissen dazu zu schaffen
- Nummer 50:
Wissenschaftliche Erkenntnis ist weder freie Erfindung noch unmittelbarer Besitz Der Wahrheit, sondern verantwortliche In-Form-Bringung des als wahr angenommenen
- Nummer 51:
In der Amorologie bezeichnet Geltungs-Klarheit die Wahrhaftigkeit, bei jeder Aussage offenzulegen, ob sie beobachtet, gemessen, erschlossen, modelliert, interpretiert, vereinbart, bewertet, geglaubt oder noch nicht gewusst wird, einschließlich ihres Geltungsbereichs, ihrer Unsicherheit und ihrer stets möglichen Korrektur
- Nummer 52:
Wissenschaft schafft menschliche Formen des Wissens, in denen Erkenntnis geordnet, geprüft und mitgeteilt werden kann, sie schafft dabei jedoch nichts Absolutes
- Nummer 53:
Die Wirklichkeit wird nicht dadurch wahr, dass der Mensch sie erkennt, sondern menschliche Erkenntnis wird wahrer, indem sie der Wirklichkeit immer angemessener entspricht
- Nummer 54:
Wissenschaft beginnt nicht mit verkündetem Wissen, sondern mit eingestandenem Nichtwissen: Die Frage öffnet den Erkenntnisraum, die Methode ordnet den Weg und das Ergebnis bleibt eine zeit- und kriteriengebundene Antwort

- Nummer 55:
Wissenschaftliche Kriterien sind das methodische Versprechen einer redlichen Suche, aber noch keine Garantie für die Wahrheit jedes wissenschaftlich bezeichneten Ergebnisses
- Nummer 56:
Auch ein Irrtum kann vollkommen systematisch hergeleitet sein, Systematik macht den Erkenntnisweg nachvollziehbar, aber nicht notwendig sein Ergebnis wahr
- Nummer 57:
Überprüfbarkeit bedeutet nicht, dass eine Behauptung bereits absolut bewiesen wurde, sondern dass sie sich möglicher Bestätigung, Widerlegung und Korrektur aussetzt
- Nummer 58:
Ergebnisoffenheit bedeutet nicht, jede Behauptung für gleich wahrscheinlich zu halten, sondern Der Wirklichkeit mehr Treue entgegenzubringen als der eigenen Erwartung aus der These
- Nummer 59:
Wissenschaftliche Orientierung lebt in der Polarität GOTTES von Festigkeit und Offenheit: Sie muss tragfähig genug sein, um verantwortliches Handeln zu ermöglichen, und offen genug bleiben, um aus neuer Erkenntnis zu lernen
- Nummer 60:
Nicht Die Wahrheit ist vorläufig, sondern die menschliche Erkenntnis von ihr
- Nummer 61:
Nicht Die Wahrheit besitzt verschiedene Grade, sondern die Begründung, mit der der Mensch sie zu erkennen beansprucht
- Nummer 62:
Setzbar sind Begriffe, Kategorien, Maßeinheiten, Schwellenwerte, Regeln und Modelle, nicht setzbar ist Die Wahrheit dessen, was wirklich ist
- Nummer 63:
Daten sprechen nicht von selbst: Erst Fragen, Auswahl, Begriffe und Modelle bringen sie in einen Zusammenhang, deshalb müssen mit jedem Ergebnis auch seine Voraussetzungen geprüft werden
- Nummer 64:
Das wissenschaftliche Modell ist ein Fenster zur Wirklichkeit: Sein Rahmen ermöglicht das Sehen und begrenzt zugleich den sichtbaren Ausschnitt
- Nummer 65:
Was messbar gemacht wird, wird dadurch vergleichbar, aber nicht erst dadurch wirklich
- Nummer 66:
Was noch nicht messbar ist, darf weder vorschnell geleugnet noch ungeprüft als wahr behauptet werden
- Nummer 67:
Wissenschaftlicher Konsens ist eine bedeutsame gemeinsame Orientierung, aber keine Abstimmung, durch die menschliche Zustimmung in absolute Wahrheit verwandelt wird
- Nummer 68:
Wissenschaft als Methode kann zur Selbstkorrektur befähigen, während Wissenschaft als Institution an Gewohnheit, Ansehen, Interessen oder Macht festhalten kann, darum kann redliche Kritik der Wissenschaft selbst dienen
- Nummer 69:
Wissenschaft kann untersuchen, was ist, wodurch es wirkt und welche Folgen zu erwarten sind, was daraus sein soll, verlangt zusätzlich eine offengelegte Wertentscheidung
- Nummer 70:
Wo eine Wertsetzung als bloße Tatsache ausgegeben wird, wird nicht nur die Wertung verborgen, sondern auch der wissenschaftliche Erkenntnisweg getrübt
- Nummer 71:
Reflektieren heißt im Wissen-Schaffen, vor dem Urteil über das Gesehene auch auf den Hintergrund des eigenen Sehens zurückzublicken: auf Begriffe, Voraussetzungen, Instrumente, Interessen, Ausgeschlossenes und noch Unsichtbares
- Nummer 72:
Der Zweifel ist nicht der Feind des Wissens, sondern sein schützender Gegenpol: Ohne Vertrauen beginnt keine Forschung, ohne Zweifel bleibt keine Forschung wahrhaftig
- Nummer 73:
Die Liebe zur Wahrheit öffnet den Menschen für das, was sich wirklich zeigen will, der verantwortliche Wille bewahrt ihn davor, die ersehnte Antwort selbst zum Ergebnis zu machen
- Nummer 74:
Wissenschaft wird zur Weisheit, wenn sie nicht nur fragt, wer und was dabei erkannt hat, und was gemacht werden kann, sondern auch, welchem Zweck es dient, welche Folgen es trägt und ob es Wahrheit, Leben, Würde und Der Liebe GOTTES wahrt
- Nummer 75:
Das Un-Erklärbare ist nicht notwendig übernatürlich, sondern zunächst nur noch nicht erklärt
- Nummer 76:
Wo das Wissen um eine Wirkung fehlt, beginnt der Mensch, ihr ein Bild zu geben, so kann eine unbekannte Technik wie Zauber erscheinen, ohne magisch zu sein
- Nummer 77:
In der Antike erwirkten technisch fortschrittliche Mittel sogar den Eindruck sakraler Gegenwart
- Nummer 78:
Unwissenheit auf der einen und Überlegenheit auf der anderen Seite erzeugen nicht automatisch einen Kult, sie schaffen zunächst eine asymmetrische Begegnung, die der Mensch erst deuten muss
- Nummer 79:
Überwältigung tritt auf, wenn das bisherige Weltbild nicht ausreicht zur Erklärung des gerade Erlebten, worauf innerlich meist mit Staunen, Ehrfurcht oder Schrecken reagiert wird
- Nummer 80:
Bei Unbekanntem setzen wir innerlich instinktiv eine Absichtszuschreibung und fragen uns: „Was will dieses Wesen von uns?“, dabei empfinden wir entweder Vertrauen oder Bedrohung
- Nummer 81:
Bei überwältigen Begegnungen fragen wir uns direkt nach unserer Heils–Unheils-Erwartung, glauben wir also an Schutz, Gabe und Ordnung oder eher an Verlust und Beherrschung durch den anderen?
- Nummer 82:
Auf Unbekanntes können wir mit Annäherung oder Abwehr reagieren, wobei unser eigenes Reaktionsportfolio verhandeln, fliehen oder widerstehen bietet und im Bündnis Beschwichtigung, Flucht oder Kampf möglich sind
- Nummer 83:
Psychologisch kann Ehrfurcht entstehen, wenn etwas als überwältigend groß erlebt wird und die bisherigen Denkordnungen erweitert werden müssen, je nachdem, ob es mit Güte, Schönheit oder Bedrohung verbunden wird, kann Ehrfurcht positiv oder negativ werden
- Nummer 84:
Wichtig ist die Unterscheidung zwischen Prestige und Dominanz: Prestige wird einem Wissenden freiwillig gewährt, weil man von ihm lernen möchte, Dominanz erzwingt Gefolgschaft durch Angst und Unterwerfung, wobei äußerlich beide wie Verehrung aussehen können, obwohl sie innerlich grundverschieden sind
- Nummer 85:
Ist die fremde Macht überwältigend und Widerstand aussichtslos, dann kann Beschwichtigung sicherer erscheinen als Kampf
- Nummer 86:
Rituale, Opfer und Gehorsam erzeugen bei Unterwerfung wenigstens das Gefühl, die unberechenbare Macht beeinflussen zu können
- Nummer 87:
Der aus Unterwerfung oft entstehende Kult beruht nicht unbedingt auf Vertrauen, er kann auch organisierte Angst sein
- Nummer 88:
Das Unbekannte kann zum Götzenbild werden, wenn von ihm Heil erwartet wird, und zum Feindbild, wenn von ihm Unheil erwartet wird, aber in beiden Fällen ist das Bild noch nicht gleich das Wesen
- Nummer 89:
Ein verherrlichendes Götzenbild macht das Gegenüber größer, heiliger und vollkommener, als es eigentlich sichtbar wirkt
- Nummer 90:
Ein Feindbild verkleinert das Gegenüber auf Bedrohung und Bösartigkeit
- Nummer 91:
Das Unbekannte erschreckt durch seine Fremdheit und lockt durch seine Möglichkeiten, weshalb Furcht und Faszination aus derselben Begegnung entstehen können
- Nummer 92:
Ent-Mystifizierung erklärt möglicherweise den Mechanismus, doch nicht notwendig auch den Ursprung, Sinn und moralischen Wert seiner Wirkung
- Nummer 93:
Nicht-Erklärbarkeit ist kein Beweis für GÖTTlichkeit, und Erklärbarkeit ist kein Beweis gegen GOTT
- Nummer 94:
Ein dem Menschen überlegenes Wesen wäre durch seine Überlegenheit noch nicht GÖTTlich, denn auch das mächtigste Wesen innerhalb der Schöpfung würde durch dessen Macht nicht zum Ursprung der Schöpfung
- Nummer 95:
Technische Überlegenheit begründet weder Heiligkeit, noch moralische Autorität
- Nummer 96:
Kompetenz zeigt, was ein Wesen vermag, aber die Liebe offenbart, wozu es sein Vermögen gebraucht
- Nummer 97:
Eine Autorität erweist sich nicht daran, wie viel Gehorsam sie erhält, sondern daran, ob unter ihrer Wirkung Erkenntnis, Freiheit und Eigenverantwortung wachsen
- Nummer 98:
Vom Gesetzten zum Gerechten geht der Umweg über das Geltende, das meist geregelt ist, aber ob das Geltende auch gerecht oder richtig ist, das entscheidet der Mächtige
- Nummer 99:
Wer bestimmen kann, was erlaubt und verboten ist, bestimmt damit noch nicht, was wahr und gut ist
- Nummer 100:
Wenn Durchsetzbarkeit Wahrheit erzeugen würde, wäre jedes siegreiche Unrecht durch seinen Sieg auch gerechtfertigt
- Nummer 101:
Im Wort Gesetz klingt aus dem altdeutschen das Setzen an: Ein Gesetz ist zunächst etwas Festgesetztes, ergo nicht notwendig etwas Gerechtes
- Nummer 102:
Das Setzen einer Norm begründet ihren Anspruch auf Geltung, nicht automatisch auch auf ihre objektive Wahrheit
- Nummer 103:
Ein Gesetz sagt, was innerhalb einer Ordnung gelten soll, die Gerechtigkeit fragt, ob das Geltende auch recht, wahr und gerecht ist
- Nummer 104:
Nicht alles, was rechtlich rechtens ist, ist deshalb schon sittlich richtig
- Nummer 105:
Der Sinn des Rechts besteht nicht darin, Macht zu heiligen, sondern sie zu ordnen, zu begrenzen und verantwortlich zu machen
- Nummer 106:
Ohne Gesetz droht die Willkür des Einzelnen, ohne Gerechtigkeit droht die Willkür des Gesetzgebers
- Nummer 107:
Ein Gesetz, das allein die Beherrschten bindet und die Herrschenden ohne sachlichen Grund oder Rechenschaft von denselben Pflichten freistellt, ist keine herrliche Ordnung, sondern geordnete Herrschaft
- Nummer 108:
Nicht alles, was zu einer bestimmten Zeit oder in bestimmten Orten verboten ist, ist deshalb im tieferen Sinne falsch, zur anderen Zeit am anderen Ort ist es im gleichen Rechtssystem oft legitim

- Nummer 109:
Geltung beschreibt, dass eine Norm innerhalb einer Ordnung verbindlich sein soll, Legitimität fragt, ob ihr Anspruch auf Gehorsam begründbar ist
- Nummer 110:
Eine Mehrheit kann einem Gesetz demokratische Geltung geben, aber keinem Menschen seine unverlierbare Würde nehmen
- Nummer 111:
Legalität prüft das Handeln am Gesetz; Gerechtigkeit prüft auch das Gesetz selbst
- Nummer 112:
Je größer die Macht ist, Recht zu setzen, auszulegen oder zu vollziehen, desto größer ist die moralische Pflicht zu Sachbezug, Rechenschaft und Korrigierbarkeit
- Nummer 113:
Gerechtigkeit beginnt mit der gleichen Würde aller und endet nicht in der unterschiedslosen Behandlung aller Sachlagen
- Nummer 114:
Gleiches ohne Grund verschieden zu behandeln ist ungerecht, Verschiedenes ohne Rücksicht gleich zu behandeln kann es ebenfalls sein
- Nummer 115:
Ein gerechtes Gesetz unterscheidet nach dem Sachverhalt, niemals nach einem vermeintlich höheren oder niedrigeren Stellen- oder Menschenwert
- Nummer 116:
Das Recht darf eine Tat verurteilen, aber ohne den Täter als Menschen zu entwerten
- Nummer 117:
Der Fehler gehört zum Handeln, die Würde gehört zum Sein
- Nummer 118:
Konsequenz sagt: So nicht, Entwürdigung sagt: Du nicht.
- Nummer 119:
Wo Strafe nur demütigt oder Vergeltung sättigt, verliert sie ihre Ausrichtung auf Schutz, Verantwortung und Wiederherstellung
- Nummer 120:
Das Gesetz gibt einem Willen verbindliche Gestalt
- Nummer 121:
Gerechtes Gesetz entsteht, wenn Der Wille Der Liebe Gestalt gibt und Die Liebe dem Willen Richtung und Maß gibt
- Nummer 122:
Ein gutes Gesetz erkennt man nicht allein an seinem hoheitlichen Anspruch, sondern an seinen Früchten für Wahrheit, Würde, Schutz und gerechte Gegenseitigkeit
- Nummer 123:
Kein Mensch und kein System sollten den eigenen Willen dadurch unfehlbar machen dürfen, dass sie ihn zum Willen GOTTES erklären
- Nummer 124:
Gehorsam gegenüber einem Gesetz nimmt dem Menschen nicht jede Verantwortung für das, was er dadurch tut
- Nummer 125:
So wenig eine Mehrheit Unrecht zu Recht machen kann, so wenig macht die eigene Überzeugung eines Einzelnen jedes verbotene Handeln gerecht
- Nummer 126:
Wo Gesetz und Gewissen einander widersprechen, müssen nicht nur der Buchstabe und das Gefühl, sondern Gründe, Folgen, Würde und Verantwortung geprüft werden
- Nummer 127:
Widerstand gegen Unrecht wird durch seinen gerechten Grund eröffnet, aber erst durch Maß, Mittel und Ziel selbst gerecht ausgerichtet
- Nummer 128:
Alles Menschliche unterliegt der ewigen Veränderung, gestern so, heute anders und morgen neu, auch ein Gesetz ist menschlich gesetzt und muss deshalb menschlich prüfbar, korrigierbar und verbesserbar bleiben
- Nummer 129:
Eine respektvolle Meinung spiegelt den eigenen inneren Wertekanon, implementiert aber keinen selbsterhöhenden Anspruch auf einzig absolute Wahrheit
- Nummer 130:
Besonders Anwälte brauchen eine saubere Anleitung zur Fähigkeit der Unterscheidung zwischen Sach- und Menschenwürde, denn Fehler können die Sachwürde mindern, sollten aber den Menschen nicht unwürdig werden lassen
- Nummer 131:
…und vergiss‘ nicht: Wiederholtes unangekündigtes Zuspätkommen trotz klarer Vereinbarung und Rückmeldung ist keine bloße Abweichung von der Uhr, sondern gelebte unzureichende Berücksichtigung der Lebenszeit des anderen
- Nummer 132:
Eine Verabredung ist eine zeitliche Form der Gegen-Seitigkeit, mindestens zwei Menschen halten einen unwiederbringlichen Teil ihres Lebens füreinander frei
- Nummer 133:
Pünktlichkeit ist nicht die Unterwerfung des Menschen unter die Uhr, sondern die zeitliche In-Form-Bringung eines gegebenen Wortes
- Nummer 134:
Wer Wirtschaft studiert hat, der weiß, dass Ressourcen wie Boden, Arbeit oder Kapital knapp sind, die Zeit ist dabei ein Aspekt der Arbeit, dass gerade sog. Geschäftsleute Termine nicht respektieren, ist eine Verschwendung einer knappen Ressource, die Fragen zur Redlichkeit aufwirft
- Nummer 135:
Wird die Einhaltung eines Termins unmöglich, kann der Zeit-Respekt dennoch gewahrt werden: durch frühzeitige und wahrhaftige Mitteilung, eine realistische neue Zeit, erneute gemeinsame Vereinbarung und Verantwortung für die entstandenen Folgen
- Nummer 136:
Wo einer dich wiederholt schweigend warten lässt, entsteht eine Warte-Asymmetrie: Einer behält die Freiheit, seine Zeit nach Belieben zu verschieben und der andere bleibt mit Lebenszeit, Aufmerksamkeit und Folgeplanung gebunden, was Vertrauen und Beziehungszugang mindert
- Nummer 137:
Lebenszeit ist keine austauschbare Kalenderfläche, sondern unwiederbringlicher Lebensraum
- Nummer 138:
Eine zeitliche Verabredung ist die gegenseitige Zusage, einen Teil des Lebensraumes füreinander freizuhalten
- Nummer 139:
Wer einen Termin annimmt, empfängt nicht nur eine Uhrzeit, sondern Aufmerksamkeit, Vorbereitung und den Verzicht des anderen auf alternative Möglichkeiten
- Nummer 140:
Erst eine gemeinsam verstandene und angenommene Zeitvereinbarung begründet gegenseitige Verbindlichkeit, eine unausgesprochene Erwartung tut dies noch nicht
- Nummer 141:
Pünktlichkeit bedeutet nicht, die Uhr über den Menschen zu stellen, sondern das eigene zeitliche Wort und die Lebenszeit des anderen ernst zu nehmen
- Nummer 142:
In der Amorologie ist Pünktlichkeit der zeitliche Punkt, an dem Wort und Handlung einander treffen
- Nummer 143:
Wo Minutengenauigkeit über die Vereinbarung hinaus zur Überwachung oder Bestrafung wird, verwandelt sich Verlässlichkeit in Kontrolle
- Nummer 144:
Eine einzelne Verspätung ist zunächst ein Ereignis, wiederholtes unangekündigtes Zuspätkommen wird schleichend zu Beziehungsproblemen
- Nummer 145:
Nicht jede Verspätung ist Respektlosigkeit, doch jede Verspätung verlangt Respekt vor ihrer Wirkung
- Nummer 146:
Die Qualität einer Verspätung zeigt sich nicht nur an ihrer Ursache, sondern an Vorhersehbarkeit, Häufigkeit, Mitteilung, Wirkung und Wiedergutmachung
- Nummer 147:
Wer wider besseres Wissen „Ich bin gleich da“ sagt, fügt der Verspätung nur einen weiteren Vertrauensbruch hinzu
- Nummer 148:
Eine Terminverschiebung ist keine einseitige Bekanntgabe, sondern die Bitte um eine erneuerte Vereinbarung
- Nummer 149:
Schweigendes oder lügendes Wartenlassen bindet nicht nur Zeit, sondern Aufmerksamkeit, Planungsfähigkeit und alternativen Handlungsraum
- Nummer 150:
Wenn immer derselbe wartet, bezahlt einer die Freiheit oder fehlende Selbstorganisation des anderen mit eigener Lebenszeit
- Nummer 151:
Nähe ist keine Wartepflicht und Vertrautheit kein Freibrief für Unverbindlichkeit
- Nummer 152:
Frei geschenktes Warten kann Liebe sein, auferlegtes Warten darf nicht als Liebespflicht verlangt werden
- Nummer 153:
Ein gutes Alibi kann erklären, weshalb jemand zu spät kam, es hebt aber nicht auf, was sein Verhalten beim anderen bewirkte
- Nummer 154:
Eine Entschuldigung erkennt die geschehene Verletzung an und Reparatur verändert den Umgang mit der nächsten Vereinbarung
- Nummer 155:
Wiederholtes Bedauern ohne verändertes Verhalten beruhigt vielleicht den Augenblick, stellt aber keine Verlässlichkeit wieder her
- Nummer 156:
Sachrespekt achtet die Vereinbarung, Beziehungsrespekt achtet die gelebte Verlässlichkeit und Würderespekt achtet den Menschen auch in seinem Fehler
- Nummer 157:
Unzuverlässiges Verhalten darf klar benannt werden, aber ohne daraus ein minderwertiges Sein zu erschaffen
- Nummer 158:
Ein Muster ist nicht die gesamte Identität eines Menschen, aber es ist gegenwärtig erlebte Beziehungswirklichkeit, die das Vertrauen beeinflusst
- Nummer 159:
Eine Warte-Grenze ist keine Strafe, sondern das Ende einer einseitigen Bindung der eigenen Lebenszeit
- Nummer 160:
Ich warte bis zu dieser Zeit und plane danach weiter“, bedeutet nicht: „Du bist mir nichts wert“, sondern: „Auch meine Lebenszeit besitzt eine Grenze“.
- Nummer 161:
Gegen-Seitigkeit bedeutet: Der Pünktliche lässt Raum für das Unvorhersehbare, und der Verspätete macht daraus kein dauerhaftes Recht auf Wartenlassen
- Nummer 162:
Zeit-Respekt verbindet Ordnung mit Menschlichkeit, Klarheit mit Nachsicht und Grenze mit fortbestehender Würde